„Stark. Sichtbar. Selbstbestimmt.“ Das Motto der 35. Esslinger Frauenwochen drückt einen Wunsch aus, der für viele Frauen schwierig zu erreichen ist.
Besonders Frauen, die behinderte Kinder pflegen, werden oft unsichtbar, da Teilhabe unmöglich ist und die rund um die Uhr zu erbringende Pflege ein selbstbestimmtes Leben nicht zulässt. Bis heute entsteht so oft eine unsichtbare Barriere zwischen den betroffenen Familien und der Mehrheitsgesellschaft. Mit Lesungen aus „WIR. Geschichten aus dem Alltag mit behinderten Kindern“, ihrem autobiographischen Buch, und im Gespräch mit Andrea Lindlohr MdL gab die Autorin, Speakerin und Sensitivity Readerin Anna Mendel aus Denkendorf Einblicke in ihr Buch und ihr Leben als pflegende Mutter. Die Einblicke waren intensiv, ehrlich und auch hart – weil sie zeigen, wie viel Verantwortung, Erschöpfung, Liebe und Stärke in unseren inklusiven Familien steckt.
Von Diskriminierung auf struktureller, institutioneller und individueller Ebene sind so gut wie alle Familien, die behinderte Kinder pflegen, betroffen. Anna Mendel sensibilisiert mit ihrer Arbeit für diese Ungerechtigkeit und sorgt für Sichtbarkeit und Nachvollziehbarkeit, damit auch nicht betroffene Menschen solidarisch und handeln können und Veränderungen anstoßen.
Es wurde deutlich: Mitleid brauchen inklusive Familien nicht – sondern Verständnis und gute Bedingungen für die herausfordernde Aufgabe, die sie dauerhaft erfüllen. Oft fehlt es an diesem Verständnis: Wie viel Isolation entsteht, weil das eigene Kind an den Freizeitaktivitäten anderer Kinder nicht teilhaben kann. Und weil es nicht wie andere aus der Nachbarschaft in die Kita oder Schule um die Ecke geht. Wie viele Freundschaften der pflegenden Mütter im Stillen wegbrechen – zum Beispiel aus Berührungsangst oder weil man die Bedürfnisse, die in der inklusiven Familie entstehen, nicht ernst nimmt.
„Repräsentation tut gut“, stellt Anna Mendel deshalb fest.
In ihrer eigenen Erfahrung und im Zuspruch ihrer Arbeit wird das mehr als deutlich. Auch der persönliche Austausch an Abenden wie diesen überwinden zeitweise die Isolation, die Pflege oft mit sich bringt. Und gleichzeitig zeigt der Abend wieder, was die Repräsentation kostet: Jeder Abend „draußen" ist für pflegende Eltern eine Balanceakt. Behinderte Kinder pflegen, das bedeutet meistens: Kein Wochenende, keine Pause, kein „Das ist nur eine Phase." Pflege ist kein „Nebenbei“, sondern ein 24/7-Job. Es betrifft alle Lebensbereiche und verändert sie dauerhaft. Erschöpfung ist leider keine Ausnahme, sondern eher die Regel.
Abende wie diesen zum Austauschen über gemeinsame Erfahrungen sind wichtig, wie die pflegenden Mütter wie ich selbst und andere Interessierte aus dem Publikum bestätigen konnten. Denn:
„Es braucht viel Kraft, darüber zu sprechen, dass mein Kind eine Behinderung hat und unser Alltag anders ist“, weiß Anna Mendel.
Mit ihrer Arbeit gibt sie Menschen mit Behinderungen und pflegenden Menschen, die sonst keine Möglichkeit haben sich zu äußern, eine Stimme.
Ich wünsche mir, dass sich viele Menschen darauf einlassen, andere Lebensrealitäten anzuerkennen. Denn Inklusion beginnt im Alltag – zum Beispiel das Mitdenken bei der Einladung zum Kindergeburtstag - und braucht zugleich Strukturen, die nur durch politischen Entscheidungen entstehen können.
Da Menschen mit Behinderung und Eltern von Kindern mit Behinderung am besten wissen, welche Bedürfnisse diese haben, lautet Anna Mendels Fazit deshalb: „Wir brauchen mehr pflegende Menschen in den Gemeinderäten und Parlamenten!“
Die Botschaft des Abends war damit stark und hoffnungsvoll: Sichtbarkeit und Repräsentation verändern Perspektiven – und damit unsere Gesellschaft. Davon profitieren am Ende alle! Ich möchte mein Landtagsmandat auch dafür nutzen, hier Verbesserungen zu erreichen.
Danke Anna für diesen Abend, für deine Arbeit und dafür, dass du so viele Perspektiven sichtbar machst.
Mehr Informationen über die wichtige Arbeit von Anna Mendel und eine Liste all ihrer Publikationen (inklusive der Neuerscheinung des Kinderbuchs „Linus liebt Licht“) finden sich auf ihrer Website, ihrem Instagram-Account und auf Facebook.